Leserbrief an die Zeitschrift „Suchtreport“ zu den Artikeln in 6/2000 und 1/2001 zum Thema:

 

„Kontrolliertes Trinken“ - Neue Wege in der Suchtarbeit ?!

 

Ich arbeite seit 1993 als Suchtbeauftragter bei einer Hamburger Behörde (Beh. f. Wissenschaft und Forschung mit ca. 10 000 Mitarbeitern). Die Arbeit dort, wie die der professionellen, betrieblichen Suchtkrankenhilfe insgesamt, wird, was den Umgang mit Alkohol betrifft, seit Jahrzehnten von einer einzigen Strategie bestimmt: 

Suchtgefährdete und Suchtkranke müssen durch den sog. „konstruktiven Leidensdruck“ zur Abstinenz gebracht werden. Jeder andere Weg beflügelt nur die Illusion eines Alkoholikers, der gar nicht wirklich aufhören will und endet im Elend. 

Mit diesem Arbeitskonzept erreichte  die Suchtkrankenhilfe (im weiteren SKH) allerdings nur einen Bruchteil von Betroffenen, musste sich bei denen durch eine Mauer von Abwehr und Widerstand hindurch“kämpfen“ und es blieb schließlich nur eine Handvoll von Abstinenten. Über diesen kreiste dann lebenslang drohend das Damoklesschwert des Rückfalls

In dieser verkrusteten und innovationsfeindlichen Lage gab es auf der DHS-Jahrestagung 1999 in Weimar intensive Anstöße zu einer grundlegenden Umsteuerung und einem Paradigmenwechsel in der herrschenden SKH. Wer aber geglaubt hat, das neue Ideen und praktische Vorschläge für ein tiefgreifendes individuelles und gesellschaftliches Problem, wie es der Umgang mit Alkohol zweifelsfrei darstellt, willkommen sind, sieht sich angesichts der Leserbriefe zum Programm des Kontrollierten Trinkens von Herrn Prof. Körkel eines besseren belehrt. 

Der Tenor dieser Briefe ist vernichtend. Mit Begrifflichkeiten wie„böser Falle“, „Lösungen vorgaukeln“ dem „Teufel“, „Entsetzen“,  „Liberalisierung des Saufens“, „gesundheitsgefährdend“ „Unterschlagung“ und „Fahrlässigkeit“ wird da im Zusammenhang mit kontrolliertem Trinken “argumentiert“. Ich halte diese Form der Kritik für demagogisch und ihre Inhalte für falsch. Wir, eine große Gruppe von Suchtberaterinnen und -beratern  im Hamburger Öffentlichen Dienst, planen nämlich ebenfalls so ein Angebot für die Beschäftigten.

Unser Projekt, „Lieber Weniger“-Trinken ähnelt dabei in wesentlichen Grundzügen dem Angebot von Prof. Körkel, das im Suchtreport Nr. 6/00 dargestellt wurde. Die Kritik daran bezieht sich also indirekt auch uns. Die überaus große Erregung mit der hier ein - jedenfalls für Deutschland – neuer Weg diskreditiert wird, empfinde ich dabei eher als spezifische Reaktion eines dogmatischen Denkens, denn als eine treffsichere und beachtenswerte Kritik. 

Was soll die in einem Leserbrief geäußerte Meinung, Prof. Körkel würde „sich eine goldene Nase verdienen“ und im übrigen „verantwortungslos“  handeln? Der Merz-Künstler Kurt Schwitters beschrieb die Reaktion des Publikums auf seine Kunst einmal so: „Sie werden meine neuen Arbeiten so empfangen, wie sie es immer getan haben, wenn das Neue sich zeigte: mit Entrüstung und Hohngeschrei.“ Eine offenbar weit verbreitete Reaktion auf alles Neue; auch auf das in der SKH. 

Dabei ist das „Alte“ in der professionellen und ehrenamtlichen SKH noch nicht einmal besonders erfolgreich. Was, so muß man sich fragen, soll denn da eigentlich verteidigt werden? Etwa die Tatsache, daß von ca. 12 Mio. Menschen mit riskantem, bzw. schädlichem Trinkverhalten nur eine winziger Bruchteil jemals von Hilfeangeboten erreicht wird. Und das von diesem kleinen Teil wiederum ein noch kleinerer Teil sich der Endlösung für sein Alkoholproblem anschließen kann, der Abstinenz. 

Was für eine Erfahrung ist das, die für sich den Alleinvertretungsanspruch gegenüber der Erfahrung einer großen Mehrheit von Alkoholkonsumenten behauptet und zur alleinigen Grundlage für eine erfolgreiche SKH gemacht wird? Ist es da ein Wunder, daß selbst Menschen mit Alkoholproblemen sich wehren gegen die ihnen geweissagte Prognose des Alkoholismus, wenn sie nicht schleunigst den Weg der Abstinenz einschlagen. 

Doch obwohl diese Katastrophenverkünder wissen, daß allenfalls 3% ihrer Zielgruppe suchtkrank werden, definieren sie diese Verweigerungshaltung als Beweis für die allumfassende Richtigkeit ihrer Behauptungen. 

Bei dieser Debatte geht es offenbar um ganz persönliche, emotionell bestimmte Erfahrungen, um die elementare und tiefste Identifikation mit einem einzigen, ganz bestimmten (Lösungs)weg. Niemand will diese Erfahrungen und persönlichen Konsequenzen in Frage stellen, aber warum soll es nicht erlaubt sein, Menschen selber darüber bestimmen zu lassen, welchen Weg sie zur Lösung ihrer Probleme einschlagen wollen. 

Warum darf es nicht erlaubt sein, andere Angebote zu entwickeln, die die bisherigen ja nicht in Frage stellen, sondern ergänzen.  Das bisherige Hilfeangebot nach dem Prinzip der Entweder-Oder-Methode war jedenfalls nur bedingt erfolgreich und hat die Masse der Risikotrinker nicht einmal im Ansatz erreicht. 

Zu diesem selbstkritische Resümee kamen jedenfalls auch zahlreiche Redner auf der schon oben erwähnten DHS-Jahres-Tagung 1999. Und als Ergebnis  der Tagung entwickelte der Geschäftsführer der DHS, Rolf Hüllinghorst, Grundsätze für eine zeitgemäße Suchtkrankenhilfe.

Diese Grundsätze, denen auch ein anderes Menschenbild zugrunde liegt, nämlich eines das von Eigenverantwortung und Selbstbestimmung geprägt ist, beinhalten

 die Gleichrangigkeit von Abstinenz und  Schadensminimierung,

 eine individuelle Hilfeplanung und

 die Neuorientierung der SKH auf Menschen mit Substanzproblemen

 

„Es ist (jedoch) sinnvoll, die Zielgruppe der „Suchtkrankenhilfe“ zu erweitern, indem Menschen mit Substanzproblemen einbezogen werden...Dieser erweiterte Begriff zur Zielgruppe der SKH ermöglicht es, Frühinterventionen stärker in das Aufgabenspektrum der SKH mit einzubeziehen.“ ... 

„Frühinterventionen wenden sich an Menschen, bei denen ein problematisches Konsumverhalten vorliegt, ohne daß es bereits zu einer manifesten Abhängigkeit und zu massiven Folgeproblemen gekommen ist.“... 

„(Aber) auch die Fachkräfte der SKH sind gefordert, in diesem Bereich ihre bestehenden Angebote zu überprüfen, zu verbreitern und weiter-zuentwickeln...

Dies setzt voraus, daß SKH...neue Kooperationsformen entwickelt.“  

Und zur Gleichrangigkeit von Abstinenz und Schadensminimierung heißt es weiter:

„Im Mittelpunkt der Arbeit der SKH steht der einzelne Abhängige, dessen Krankheit geheilt oder – falls dies aktuell nicht zu realisieren ist – dessen Krankheitssymptome und – leiden gelindert werden sollen.“ 

Zur individuellen Hilfeplanung führt Hüllinghorst aus: „SKH muß auf die jeweils individuelle Situation reagieren und kann deshalb keine für alle einheitliche Behandlungs- oder Interventionsform, sondern muß personenadäquate Hilfe anbieten.

 

(aus „Das Gesamtkonzept der DHS“ vom 8.11.99)

 

 

Auf diesen Ausführungen haben wir unser Projekt „Lieber Weniger“ aufgebaut und ein Angebot für die große Gruppe der Risikotrinker entwickelt mit dem Ziel über ein individuelles Programm des Kontrollierten Trinkens die Trinkmenge und –häufigkeit und damit das Risiko für den einzelnen Konsumenten und den Betrieb zu verringern.

Das nun ausgerechnet die Selbsthilfe- und Abstinenzverbände, die doch in der DHS stark repräsentiert sind, solche Programme als „fahrlässig und gefährlich“ diskreditieren, läßt vermuten, daß es um mehr geht, als um lösungsorientierte Sachdiskussionen. Offenbar spielen hier auch Konkurrenzgesichtspunkte, neben einem ausgeprägten Hang zum Dogmatismus eine beträchtliche Rolle. Zu einigen der im Schreiben von H. Janßen geäußerten Kritikpunkte möchte ich im einzelnen Stellung nehmen:


 

1. Die Kritik der unklaren Zielgruppendefinition:    

Unsere Zielgruppe sei nicht eindeutig bestimmt; damit würden auch Konsumenten angesprochen werden, die für kontrolliertes Trinken völlig ungeeignet seien.  

Ausgangspunkt unseres Angebotes ist das Gefährdungsmodell eines graduell anwachsenden Risikos im Verhältnis zu einem quantitativen Trinkverhalten. D. h. je höher der durchschnittliche tägliche Alkoholverbrauch ist, um so größer wird das Gefährdungsrisiko. Entsprechend dieses graduellen Anstieges bietet „Lieber weniger“ individuelle Programme zur Risikoreduzierung mit dem Ziel den Schaden für den einzelnen Konsumenten zu senken, bzw. so gering wie möglich zu halten.

 

Damit liegt der Fokus unseres Projektes bei Menschen mit Substanzproblemen und weniger bei Menschen mit Suchtproblemen. Teilnehmen kann jeder, der nicht unter die definierten Ausschlußkriterien fällt (trockene Alkoholiker, vorgeschädigte Konsumenten, Schwangere, Medikamentenabhängige o.ä.).   

 

Im Gegensatz dazu steht das Suchtmodell einer stufenmäßigen Gefährdungsentwicklung von Gebrauch – Mißbrauch – Sucht. Hierbei existiert das Problem, den Zeitpunkt der einzelnen Übergänge nicht korrekt bestimmen und damit auch die „richtige“ Intervention nicht zielgenau anwenden zu können. Außerdem werden nur die suchtkranken Konsumenten erfasst, für die schließlich nur eine Alternative gilt, nämlich die Abstinenz. Damit wird letztlich nur eine kleine Gruppe erreicht.   

 

Eine klare Zielgruppenbestimmung für wen welche Maßnahme Gültigkeit hat, findet hier nicht statt. Statt dessen bewahrheitet sich die Definition des Alkoholikers, als korrektes Zielobjekt des Abstinenzparadigmas erst durch die erfolgreiche Abstinenz. Wer (wieder) trinkt, beweist nur das Alkoholiker ist, wer nicht trinkt und abstinent lebt, bleibt Alkoholiker und wer noch trinkt, der wird bestimmt einer, wenn er nicht aufhört.   

 

 

2. Das Programm des Kontrolliertes Trinkens täuscht die Konsumenten über die einzige Alternative zur Sucht hinweg: die Abstinenz    

Richtig ist, daß für eine bestimmte Gruppe von Konsumenten, die Abstinenz die einzige Lösung ist, ihre Abhängigkeit zu überwinden. Diese Zielorientierung soll weder in Frage gestellt, noch ersetzt werden. Allerdings werden die Allgemeingültigkeit des Abstinenzzieles und die Zwangsläufigkeit einer suchttypischen Entwicklung (z.B. Jellinek-Modell) abgelehnt. 

Im Vordergrund steht stattdessen ein Menschenbild, das auch dem Suchtkranken ein Mindestmaß von Selbstverantwortung  und Entscheidungsfreiheit zugesteht. Auf dieser Basis gibt es keine endgültigen Lösungen und allgemeingültigen Wahrheiten, sondern nur individuelle, selbstbestimmte und veränderbare Wege. 

Wir wissen nicht, welchen Weg der einzelne für sich gehen wird; wir wissen nicht, welche Lösung für den einzelnen die richtige sein wird. Wir entwickeln mit dem Einzelnen individuelle Lösungsmöglichkeiten, die darauf abzielen sein, momentanes Trinkverhalten zu verändern. Wie diese Veränderung aussehen soll, bestimmt der betreffende selber, nicht wir. Wir sagen nicht, daß es nur eine Lösung gibt. Damit wird niemand getäuscht und niemandem werden falsche Versprechungen gemacht. 

 

 

3. Die Erfahrung zeige, daß die Fähigkeit kontrolliert trinken zu können, bei den meisten Betroffenen ein Wunschdenken und in der Realität kaum zu verwirklichen sei. Ein entsprechendes Angebot sei also gänzlich überflüssig, da es doch nicht helfe.  

Ob ein Angebot einem Interessenten hilft oder nicht, entscheidet dieser selbst, nicht wir. Wenn SKH meint, – aus welchen Gründen auch immer – es schon vorher zu wissen, wie ein Versuch des kontrollierten Trinkens ausgehe oder glaubt besser zu wissen, was ein Trinker wirklich braucht, wird sie all jene Menschen ausschließen, die sich dadurch entmündigt fühlen. 

Wenn Abwehr und Widerstand gegen eine derartige Besserwisserei dann obendrein noch als Beweis für das Vorhandensein einer Suchterkrankung definiert werden (Motto: Verleugnung ist Teil der Krankheit) ist die Ausweglosigkeit vollkommen und die Verweigerung wird jedes Hilfeangebot ablehnen. 

Dauerhafte Veränderungen entstehen nicht durch bedingungslose Kapitulation vor wem oder was auch immer, sondern auf der Grundlage eines Prozesses von Vorsätzen, Handeln, Rückschlägen und erneuten Vorsätzen. Basis einer solchen Handlung ist das Vorhandenseins einer Ambivalenz. Unser Angebot soll die Absicht eines Interessierten zur Veränderung stärken, bei gleichzeitiger Akzeptanz seiner alleinigen Entscheidungskompetenz. Rückschläge sind bei derartigen Veränderungsprozessen, die Regel. 

Bei allen aktuellen Untersuchungen über den Verlauf von Abstinenzvorsätzen bei Alkoholikern zeigen sich Rückfallquoten zwischen 40 – 80%. Diese Rückfälle werden i.d.R. als Teil eines Genesungsprozesses definiert und nicht als Beweis eines Scheiterns der Abstinenzbemühungen. Dieses Zugeständnis sollte auch den Nutzern von „Lieber- Weniger“ oder anderen Trinkreduktionsprogrammen gemacht werden. 

 

 

 

 

 

Rainer Müller-Broders